Artur Becker: “Witold Gombrowicz in B. 1963! (oder ein kurzes Studium des Profanen und Sakralen in B.!)”

Dienstag, den 26. Januar 2010


»Indessen nahm Berlin

für mich erste Konturen an,

als eine gar nicht

so leichte Stadt …«

Witold Gombrowicz

»Tagebuch 1953 – 1969«

»Ich mag Berlin – das Gleiche würde ich

von keiner anderen deutschen Stadt sagen.

Das alte Berlin, die Blockade,

die Wiedervereinigung – es ist,

als ob die Geschichte dieser Stadt

immer wieder einen neuen Anfang

verordnet hat …«

Claude Lanzmann

(in einem Interview für die ZEIT im Mai 2009)

Die Profanierung unseres Lebens ist die größte Krankheit und Geißel der Menschheit. Ich leide sehr darunter, dass jeder von uns, der heutzutage siegen will, das auf den möglichst schnellen Profit ausgerichtete Denken anbetet, wie einen dummen und über die Hure Babylon herrschenden Gott, und die Felder unserer sonnigen schöpferischen Kräfte liegen weltweit brach … Und ich rede hier so leidenschaftlich klug daher, aber ich will gar nicht so klug daherreden (Klugheit schließt Klugheit aus). Artürchen Beckerchen! Komm wieder auf die Beine! Ich will nur, dass die Zukunft endlich eine wirksame Wirklichkeit wird, weil die Zukunft immer sakral ist. Ich will das Sakrale! Doch wie steht es um B., wie steht es um Dich und Deine Konfession und Nichtkonfession, mein Liebchen, bist Du eine sakrale oder eine profane Stadt? Welche Teufel, welche Engel reiten Dich? Ich weiß nur eines: Die Nacht reitet auf Deinen Schultern, die Nacht ist Dir die liebste Zeit, denn dann kannst Du Dich endlich in Deinem fetten Zuhause ausbreiten, Dich betrinken, Dich vollfressen und wohlfüllen – Deine eigene Dunkelheit/Undurchdringlichkeit genießen. Und Du bist, mein fleißiges B., bis jetzt Nacht für Nacht zu mir gekommen und hast mich jedes Mal daran erinnert, dass ich es schon wieder geschafft habe, mein Leben für ein paar Wochen aus der Grillzange des Todes zu befreien. Ihr Lieben, Ihr Verrückten, Ihr Bedürftigen und Ihr Suchenden da draußen! Ich lebe seit Wochen im Bleib-treu!-Aquarium und habe mit Euren physikalischen Gesetzen nichts mehr zu tun! Ich sterbe nicht, ich lebe wie auf der Insel der Seligen, wie im Jenseits und zähle keine Stunden und Minuten mehr, da mir wieder einmal eine unschuldige Zeit geschenkt worden ist, als würde ich ganz normal schreibenschreibenschreiben, und wenn Ihr diese Nächte, diese endlosen Dominonächte sehen würdet, die mich Tag für Tag begleiten, würdet Ihr endlich begreifen, dass der Mensch nicht aus Stahl, nicht aus den DNA-Strängen, nicht aus Geld, ja, nicht einmal aus der göttlichen Rippenunsterblichkeit gebaut worden ist, sondern aus der Sehnsucht der Nächte, die diese fette tollwütige liebeskranke Stadt Tag für Tag überfallen. Die Sehnsucht von B. ist sakral, die Erfüllung dieser Sehnsucht in B. dagegen profan. Schon der erste Schluck Bier im Brel ist profan, die Hopfenblätter sind aber sakral, wie das ganze heilige Universum im Universum und in einem Wassertropfen, Ihr emsigen Mikro- und Makrowellen. Mit anderen Worten taucht wieder die Frage auf, wer glücklicher sein mag: Der Jude, der auf den Messias wartet, oder der Christ, dessen Heiland schon vor langer, langer Zeit gekommen ist? Wer ist glücklicher? Der Wartende? Oder der Erlöste? (Der auf die Erlösung Wartende? Oder der vom Warten Erlöste?) Wie seltsam, meine Stadt – Du liebst beide Seelennarren. Du bist sakral und profan zugleich. Und wenn man Dich aus dem Fensterchen eines Flugzeugs anschaut, wie Du Dich in Dir selbst drehst und drehst, wird im Nullpunkt Deiner Existenz alles vollkommen weiss, fast schon grau. Deine Farbenpracht verschwindet, und die profane und erlöste Farbe Weiss erscheint uns als Dein reinstes (unbeflecktes) Antlitz. Deine unendlich vielfältig strahlenden Farben sind also sakral, wie alle Menschen dieser Todes- und Leichenfresserwelt. Newton und Goethe sitzen in der Paris Bar in der Kantstraße und streiten immer noch darüber, welche Farbe Du hast, mein Liebchen. Newton war ein Schlitzohr (der Staatsbeamte Goethe auch): Nach Feierabend hat sich Sir Isaac mit Kabbala, Alchemie und Esoterik (würde man heute sagen) befasst. Vielleicht hat sich der von der Unendlichkeit des Kosmos trunkene William Blake doch geirrt – bezüglich seines harten Urteiles über Newton und seinen großkotzigen Rationalismus/Szientismus? Oder könnt Ihr Euch, Ihr verehrten und geilen B.-Träger, einen metaphysischen Apfel vorstellen, der vom Ast runterfällt und nicht mehr auf Eurem Kopf landet, ja, der gar von der Erde runterfällt? Er ist u. a. bei den Beatles zum Beispiel gelandet, deren Musik sakral war und ist. Und mein Verleger Rainer Weiss und sein Verlag weissbooks.w sind beide nichts weiter als eine getarnte Farbenpracht, »reines Weiss« entsteht – wie gesagt, Herr Newton − aus den drei, sich mit ungeheurer Geschwindigkeit drehenden Grundfarben, so drehen sich auch die weißen Bücher aus Frankfurt am Main und drehen, bis wir sie beim Lesen anhalten und zähmen … Bis die Sonne aufgeht!

Jetzt stell Dir mal vor, Du verehrter Leser aus B., es wäre das Jahr 1963, wir hätten heute dieses Jahr – Witold Gombrowicz spaziert mit Madam Bachmann im Tiergarten. Sie verstehen sich gut, die beiden Ford-Stipendiaten. Der eine ist ein Aristokrat, die andere eine römische, unter Drogen der Poesie stehende/wandelnde Statue. Beide lieben und lieben und können eigentlich nur lieben, selbst wenn sie manchmal gehässig wirken, vor allem Pan Witold. Gombrowicz wird überall gezwungen, Englisch zu sprechen (eine Krankheit bei den Deutschen!), dabei spricht er perfekt Französisch und vor allem Spanisch – mit anderen Worten: Gombrowicz versteht B. nicht. Auf den Straßen, in den Cafés von B. – damals, im Jahre 1963 − sitzt das Wirtschaftswunder, die Kellner lächeln freundlich, die Pelzmäntel lächeln, Auschwitz-Birkenau hat es nie gegeben (ja, ein Museum gibt es!, irgendwo in Südpolen, das Rudolf-Höß-Museum). Gombrowicz schreibt in seinem »Tagebuch 1953 – 1969«, der Deutsche würde sich mit dem Deutschen immer bestens einigen bzw. arrangieren können. Von solch einer Einigung der deutschen Hände, die sorgfältig für ein reibungsloses Funktionieren des Wirtschaftswunders sorgen, ist der Pole weit entfernt: damals wie heute. Der Pole fragt: Warum muss der Fahrstuhl repariert werden? Seine Antwort lautet: Der Fahrstuhl wird ab heute nicht mehr repariert! Ach Du Gombrowicz aus Buenos Aires, der Du nie ein Pole, nie ein Emigrant und vor allem nie ein Schreiber sein wolltest! Diese Stadt hat Dich durcheinandergebracht – hinter der Mauer war Polen, hinterm Stacheldraht der DDR war Polen, aber Du konntest nicht, wolltest nicht, durftest nicht in die Heimat reisen. Durftest nicht, wolltest nicht … Im Literarischen Colloquium am Wannsee dann das Interview und die Dreharbeiten für einen Film. Madam Bachmann ist natürlich dabei. Prof. Walter Höllerer kümmert es herzlich wenig, dass Du Lesungen hasst wie die Pest, die Dich auch hasst: Der gute Professor steckt Dich dennoch in eine Lesung, und dann wird gelesen. Aber was soll man lesen, wenn man das Lesen nicht vorlesen will?, denkst Du Dir. Und so sitzt Du da bei Deiner eigenen Lesung wie ein schräger Vogel, Dein Kopf brennt, Deine Seele brennt, und Polen ist hinterm DDR-Stacheldraht – ein weites Land, Deine Heimat/Kindheit. Auch diese Lesung ist irgendwann vorbei, Herr/Pan Gombrowicz, der Graf von Monte Christo der polnischen Literatur, hat wieder einmal blutige Rache genommen: an den Lesungen, an den Kulturtanten (jaja, Ihr verehrten Literaturkritikerinnen und Antiferdydurkistinnen!), an den Professoren. Der deutsche Professor ist professionell: sakral. Hat Verständnis. Muss Verständnis haben. Und so geht er, der polnische Graf, wieder ins Café, um an einem Tisch philosophisch bzw. profan zu leuchten und in diesem Licht bewundert und geliebt zu werden. Er will natürlich nicht, dass man seinen sehnsuchtsgeladenen Ruf nach einem Literatur- und Philosophiestammtisch in einem der Caféhäuser am  Ku’damm so begreift, dass er eigentlich nun doch nur leuchten will – vor allem gegenüber jungen Männern, die mit ihm philosophieren wollten … Nein, das überhaupt nicht. Er ist der Graf Witold. Äch! Witold, Witold! Diese Stadt namens B wie Babylon, B wie Barbarei, B wie Bunker, B wie Busen, B wie Bomben, B wie Brandenburger Tor, B wie Bleibtreu, B wie »Bleib treu!«, B wie Bananenrepublik und B wie Bundesrepublik und B wie Buenos Aires und B wie Baustelle und B wie Berlin lag Dir 1963 zu Füssen, und Du hast es nicht einmal gemerkt – Witold, Witold, Du bist kein sakraler Typ gewesen. Das Sakrale, das Miłosz geliebt hatte, hat Dich abgestoßen, getötet!

… schließlich scheitert Gombrowicz mit seinem in B. ins Leben gerufenen Caféstammtisch für Literaten und Philosophen und junge Männer: G. G. und Co. wollten nicht so richtig, wie es sich der Polengraf vorgestellt hatte. G. G. und Co. tanzten lieber nach ihrer eigenen Pfeife, in ihrem eigenen B. Wie wunderbar jedoch, dass der böse Witold zum Beispiel folgende Zeilen in seinem Tagebuch zustande gebracht hatte: »Seltsam und schön: diese ruhigen Köpfe, bedächtigen Augen, die Pünktlichkeit, Ruhe, gute Laune … und gleichzeitig rast das alles in die Zukunft, galoppiert. Der Deutsche ist ein Sklave der Deutschen. Der Deutsche ist beherrscht von den Deutschen. Der Deutsche wird potenziert, geschoben, angetrieben, beflügelt von den Deutschen. Aber das geschieht in aller Ruhe.« Zu der Zeit, als diese Zeilen geschrieben werden, ist Claude Landsmanns Film »Shoah« noch nicht gedreht worden – er entsteht später. Ich muss an die tot bebende/atmende Erde in Auschwitz-Birkenau denken, da die Leichen in den Gruben weitergelebt haben: in den Faulgasen, in den hungrigen Bakterien und Würmern. Ich muss deshalb daran denken, weil morgen der 27. Januar ist: Die Russen werden noch einmal das KZ befreien, wie jedes Jahr. Werden sie auch endlich die Seele meines deutschen Freundes Peer aus Hamburg befreien? Er ist Jahrgang 69, aber er weint immer noch. Ihm nützt die ganze Psychiatrie in diesem Fall wenig, obwohl er von Beruf Psychiater ist. Die deutsche Seele weint.

Brachialer Tapetenwechsel (geht nur beim Schreibenschreiben-schreiben): In der sozialistischen Pappellalle hat sich ein Gigant niedergelassen, mit seiner Bibliothek aus Frankfurt am Main. Die Bücher wie auch das B dieser Stadt sind noch nicht ausgepackt worden – zum Teil ausgepackt, dann wiederum noch nicht ausgepackt. Holzregale wurden gegen Metallmöbel getauscht: Solche Metallregale essen am liebsten die Akten der Gauck-Behörde. B wie Baustelle. Und der Gigant will mit Comicbüchlein Geld verdienen. Diese Simpsons-Hysterie und -Kultur zerstört das Sakrale, denn nicht alles ist Gold, was aus Amerika glänzt. Könnt Ihr Euch Adorno als eine Comicfigur vorstellen? Oder Czesław Miłosz? Der litauische Pole schreibt in seinem Gedicht »Du, der Du dem einfachen Mann von der Straße wehgetan hast«: »Wiege Dich nicht in Sicherheit. Der Dichter wird sich erinnern. Du kannst ihn töten – und ein neuer wird geboren. Taten und Gespräche werden niedergeschrieben.« Wir von der Bleib-treu!-Straße wünschen dem Giganten neugeborene Dichter! Dennoch alles Gute!

Und zum Schluss Profanes: Ulrich Schreiber, Chef vom Dienst, das Internationale des Internationalen in Sachen literatura in B., freut sich über mein Geständnis: »Verdammt!, Ulrich, wie die Made im Speck lebe ich in meinem Hotelschloss – und Du brauchst tatsächlich keine Kohle, keinen Kredit, denn heutzutage ist alles aus Kreditsteinen, die man schwer schleppen muss, jedoch nicht im Bleibtreu & »Bleib-treu!«! Anyway, sie sorgen für Dich, waschen Dich, füttern Dich in meinem Hotelschloss, betten Dich, lachen Dich an, grüßen Dich. Nur schreiben musste selber! Schreibenschreibenschreiben! Ach Ihr Stipendiaten! Ihr geldgierigen, Ihr ruhmgierigen Stipendiatskis! Kauft Euch ein ›Bleib-treu-Eis!‹ und lutscht daran – es schmeckt ausgezeichnet!«

Und zum zweiten Schluss Sakrales: Diese Stadt hat so viele Beine. B wie Beine. Diese Stadt ist ein Millionenfüßler. Und meine Magdalena hat sich hier ihre Beine verlängern lassen.  M. B. wie Magdalena B. Sakraler Tapetenwechsel: Wie soll ich schon bald ohne Dich leben, mein B.? Du kochst für mich, Du wäscht meine Wäsche. Du verlängerst die Beine von Magdalena. Du badest mich, als wäre ich Deine Geliebte. Du trinkst mit mir, Du schläfst mit mir. Ich und Du – wir sind schwanger. Wie ohne Dich leben? Meine Sehnsucht tötet mich schon seit Jahren, und jetzt auch noch Du!? Du!? Ich liebe Dich.

»Die Bücher wie auch das B dieser Stadt sind noch nicht ausgepackt worden – zum Teil ausgepackt, dann wiederum noch nicht ausgepackt.«

»Diese Stadt hat so viele Beine. B wie Beine. Diese Stadt ist ein Millionenfüßler. Und meine Magdalena hat sich hier ihre Beine verlängern lassen. M. B. wie Magdalena B.«

»Nur schreiben musste selber! Schreibenschreibenschreiben!«

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