Archiv der Kategorie ‘Artur Becker in Berlin‘

 
 

Artur Becker: »Der Abschied am Potsdamer Platz …

(oder ein kurzes Studium des Kollektiven

in B. und woanders …)«

 

Mittwoch, den 10. Februar 2010

Es ist nicht so sehr das Leben, das uns zu schaffen macht, sondern vielmehr sind es die vielen kleinen Tode/Abschiede. Die Unbegreiflichkeit der körperlichen Form – das Verschwinden für immer aus unserer diesseitigen Welt – macht uns seit Tausenden von Jahren existenziell-religiöse Sorgen. Wer sind wir dann, wenn sich unser Körper Jahr für Jahr immer schneller dem Tod nähert? Sind wir die kleine Zehe am linken Fuß, oder eher der violett geschminkte Lippenkuss Eurydikes, die auf dem Bahnsteig eines Großstadtbahnhofs ihren zwanzigjährigen Geliebten begrüßt, z. B. in B.? Wer sind wir, wenn wir Tag für Tag Abschied voneinander nehmen, von unseren Lieben? Das Leben ist eine riesige Abschiedsparty, und die größte auf deutschem Boden findet tag- und nachttäglich in B. statt. Ich habe sie gesehen, ich bin dort gewesen, ich weiß, was es heißt, am Potsdamer Platz, auf seinem Gelände aus Beton und Glas, herumzuschlendern und Abschied zu nehmen – von Euch allen, von Euch allen, Ihr verehrten B.-Träger! A und B!

Schnitt: An meinem vorletzten Tag in B. und in den ehrwürdigen Gemächern des Hotels »Bleibtreu« entführte mich mein fast sechzehnjähriger Sohn Philon (was für ein wohlklingender, biblischer Spitzname!, mein Junge!) ins Kino – in eines dieser Multikulti-Hightech-XXL-Kinos am Potsdamer Platz. »Avatar – Aufbruch nach Pandora« von James Cameron stand natürlich auf dem Programm – ein Pflichtspiel auch für mich, obwohl ich eigentlich nur Godart, Pasolini, Fellini, Rohmer, Buñuel oder Bergman liebe/toleriere.  

Ich sah mir also den neuen Cameron zusammen mit Magdalena und Philon an. Seelenruhig tat ich es.

Nach dem Film war ich gar nicht unglücklich, dass ich mich von meinem Sohn habe verführen lassen. Ich staunte nur über die ausgesprochen oberflächliche, ausgesprochen »irdische« und letztendlich dumme Beurteilung des Films durch so manchen übereifrigen Kritiker des deutschen und auch ausländischen Feuilletons, und wir haben aus meinem Berliner »Bleib-treu!«-Blog gelernt, wie diese übereifrigen Kritiker in Witold Gombrowicz’ Jargon (siehe seinen zweiten Roman »Ferdydurke«) heißen: Kulturtanten (ciotki kulturalne im Poln.). Und diese Kulturtanten schrieben nach der Premiere Woche für Woche über die Message von »Avatar – Aufbruch nach Pandora«, dass dieser Film in erster Linie die uns altbekannte ökologische Botschaft »Save the Planet!« dem Zuschauer übermitteln wolle – »ganz nett« zwar (und die genialen technischen Effekte wurden gelobt und so weiter), aber zum Schluss würde diesem Machwerk, so diese Kulturtanten, eine tiefgründige intellektuell-spirituelle Botschaft an den Menschen fehlen, die doch der neue Cameron für sich beanspruchen würde. Ich war nun erbost (ich habe ja den Film gesehen − mit meinen eigenen sozialistisch-katholischen 3-D-Augen…).  Denn genau diese universelle intellektuell-spirituelle Botschaft, die sich eben nicht nur auf eine Öko-Geschichte aus unserer Epoche und Zeit reduzieren lässt, besitzt der Kinostreifen »Avatar – Aufbruch nach Pandora«. Warum ich das behaupte?, fragen Sie. Die Menschheit hat bis jetzt einen beachtlichen technischen (naturwissenschaftlich-szientistischen) Fortschritt vorgelegt, doch moralisch und ethisch steckt sie in den Kinderschuhen, trampelt nur auf der Stelle herum – das ist das Markenzeichen des Holozäns. Die Na’vi, die Autochthonen/Bewohner des Mondes Pandora, mögen zwar, was ihre technischen Möglichkeiten angeht, nach unserem Verständnis zu den Primitiven zählen, doch rein geistig bzw. intellektuell-spirituell betrachtet sind sie der heutigen Menschheit weit überlegen, sehr weit sogar. Die Na’vi wissen, dass Planeten/Himmelskörper Lebewesen sind – mit ihrer eigenen, für ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Intelligenz. Sie wissen, dass das ganze Universum, der Logos sozusagen, ein Lebewesen ist, mit dem man wie mit einem Menschen kommunizieren kann. Und sie wissen auch, dass jedes humanoide Lebewesen, sprich der Mensch jedweder Hautfarbe und Bauweise (Rasse im kosmologischen Sinne), ein unverzichtbarer Teil dieses heiligen und im ewigen Wandel begriffenen Universums ist, wie jeder andere Teil und Baustein in diesem kosmogonischen Gebäude und Drama  – auf keinen Fall ist der Mensch, wie ihn sich die Na’vi vorstellen, ein staunender und weltfremder Betrachter, der am Fluss steht und sich – den Kopf schüttelnd – darüber wundert, wie die Zeit erbarmungslos fließt und jeden und alles in dieser Menschenfresserwelt tötet. Das ist nun die eigentliche Botschaft des Films »Avatar – Aufbruch nach Pandora«, und sie ist gefährlich, weil sie unserem materialistischen Denken einen mächtigen Schlag erteilt. Für Millionen von Menschen, die William Blake, Goethe, Camus, Miłosz, die Baghavadgita oder die Bibel und ihre Apokryphen nicht studieren, ist dieser Film hilfreich. Für andere nicht. Einige Schriftsteller, Künstler und Politiker wissen sehr wohl, in welchem Konflikt der moderne Mensch steckt. Dieser Konflikt ist uralt und sehr produktiv: so produktiv und alt wie die Vertreibung aus dem Garten Eden. Amen!

Schnitt: Die blaue Hautfarbe der Na’vi erinnert an die vielen humanoiden Rassen, die als Bewohner verschiedener Planeten im heiligen Buch der Hindus, der Baghavadgita nämlich, beschrieben werden. Hat das Filmteam James Camerons Baghavadgita gelesen?

Schnitt: Interessant ist für mich in diesem ganzen Zusammenhang nur eines – wie funktioniert das Massenbewusstsein, das kollektive Bewusstsein der Menschheit? Sind solche Filme wie der »Avatar – Aufbruch nach Pandora« wirklich hilfreich? Dazu noch in einer Zeit, die Rolf-Dieter Brinkmann schon vor vierzig Jahren völlig richtig dem Schmutz und der Kurzsichtigkeit der Pop-Kultur hatte entreißen wollen (unter seelischen Schmerzen schrieb er doch seine Textcollagen!)? Die Sensationslust und die Sehnsucht nach Halbgöttern in unserer Gesellschaft und in unserer von uns erfundenen Wirklichkeit benebelt und tötet unseren kollektiven Geist, soviel ist klar, und wir entfernen uns mehr und mehr von unserer Erde und von anderen Planeten (von unserer eigentlichen Aufgabe – nämlich derjenigen der vom Bösen/Tod geheilten Menschenwerdung), indem wir es bevorzugen, in unserer von uns selbst erfundenen, der Welt beraubten Wirklichkeit zu leben. Das ist, liebe Erdlinge, eine Sünde, denn das Universum braucht kein Ersatzuniversum, an dem der gnostische Teufel mit Vergnügen weiterbaut …

*

Letzter Schnitt (The Final Cut): mein B., leb wohl! Eines Tages komme ich aber zu Dir zurück … Denn ich bleibe Dir treu, mein Täubchen!

Dein Provinzler Art. B., in manchen geographischen Kreisen auch Artur Bekier genannt.

Artur Becker: “Witold Gombrowicz in B. 1963! (oder ein kurzes Studium des Profanen und Sakralen in B.!)”

Dienstag, den 26. Januar 2010


»Indessen nahm Berlin

für mich erste Konturen an,

als eine gar nicht

so leichte Stadt …«

Witold Gombrowicz

»Tagebuch 1953 – 1969«

»Ich mag Berlin – das Gleiche würde ich

von keiner anderen deutschen Stadt sagen.

Das alte Berlin, die Blockade,

die Wiedervereinigung – es ist,

als ob die Geschichte dieser Stadt

immer wieder einen neuen Anfang

verordnet hat …«

Claude Lanzmann

(in einem Interview für die ZEIT im Mai 2009)

Die Profanierung unseres Lebens ist die größte Krankheit und Geißel der Menschheit. Ich leide sehr darunter, dass jeder von uns, der heutzutage siegen will, das auf den möglichst schnellen Profit ausgerichtete Denken anbetet, wie einen dummen und über die Hure Babylon herrschenden Gott, und die Felder unserer sonnigen schöpferischen Kräfte liegen weltweit brach … Und ich rede hier so leidenschaftlich klug daher, aber ich will gar nicht so klug daherreden (Klugheit schließt Klugheit aus). Artürchen Beckerchen! Komm wieder auf die Beine! Ich will nur, dass die Zukunft endlich eine wirksame Wirklichkeit wird, weil die Zukunft immer sakral ist. Ich will das Sakrale! Doch wie steht es um B., wie steht es um Dich und Deine Konfession und Nichtkonfession, mein Liebchen, bist Du eine sakrale oder eine profane Stadt? Welche Teufel, welche Engel reiten Dich? Ich weiß nur eines: Die Nacht reitet auf Deinen Schultern, die Nacht ist Dir die liebste Zeit, denn dann kannst Du Dich endlich in Deinem fetten Zuhause ausbreiten, Dich betrinken, Dich vollfressen und wohlfüllen – Deine eigene Dunkelheit/Undurchdringlichkeit genießen. Und Du bist, mein fleißiges B., bis jetzt Nacht für Nacht zu mir gekommen und hast mich jedes Mal daran erinnert, dass ich es schon wieder geschafft habe, mein Leben für ein paar Wochen aus der Grillzange des Todes zu befreien. Ihr Lieben, Ihr Verrückten, Ihr Bedürftigen und Ihr Suchenden da draußen! Ich lebe seit Wochen im Bleib-treu!-Aquarium und habe mit Euren physikalischen Gesetzen nichts mehr zu tun! Ich sterbe nicht, ich lebe wie auf der Insel der Seligen, wie im Jenseits und zähle keine Stunden und Minuten mehr, da mir wieder einmal eine unschuldige Zeit geschenkt worden ist, als würde ich ganz normal schreibenschreibenschreiben, und wenn Ihr diese Nächte, diese endlosen Dominonächte sehen würdet, die mich Tag für Tag begleiten, würdet Ihr endlich begreifen, dass der Mensch nicht aus Stahl, nicht aus den DNA-Strängen, nicht aus Geld, ja, nicht einmal aus der göttlichen Rippenunsterblichkeit gebaut worden ist, sondern aus der Sehnsucht der Nächte, die diese fette tollwütige liebeskranke Stadt Tag für Tag überfallen. Die Sehnsucht von B. ist sakral, die Erfüllung dieser Sehnsucht in B. dagegen profan. Schon der erste Schluck Bier im Brel ist profan, die Hopfenblätter sind aber sakral, wie das ganze heilige Universum im Universum und in einem Wassertropfen, Ihr emsigen Mikro- und Makrowellen. Mit anderen Worten taucht wieder die Frage auf, wer glücklicher sein mag: Der Jude, der auf den Messias wartet, oder der Christ, dessen Heiland schon vor langer, langer Zeit gekommen ist? Wer ist glücklicher? Der Wartende? Oder der Erlöste? (Der auf die Erlösung Wartende? Oder der vom Warten Erlöste?) Wie seltsam, meine Stadt – Du liebst beide Seelennarren. Du bist sakral und profan zugleich. Und wenn man Dich aus dem Fensterchen eines Flugzeugs anschaut, wie Du Dich in Dir selbst drehst und drehst, wird im Nullpunkt Deiner Existenz alles vollkommen weiss, fast schon grau. Deine Farbenpracht verschwindet, und die profane und erlöste Farbe Weiss erscheint uns als Dein reinstes (unbeflecktes) Antlitz. Deine unendlich vielfältig strahlenden Farben sind also sakral, wie alle Menschen dieser Todes- und Leichenfresserwelt. Newton und Goethe sitzen in der Paris Bar in der Kantstraße und streiten immer noch darüber, welche Farbe Du hast, mein Liebchen. Newton war ein Schlitzohr (der Staatsbeamte Goethe auch): Nach Feierabend hat sich Sir Isaac mit Kabbala, Alchemie und Esoterik (würde man heute sagen) befasst. Vielleicht hat sich der von der Unendlichkeit des Kosmos trunkene William Blake doch geirrt – bezüglich seines harten Urteiles über Newton und seinen großkotzigen Rationalismus/Szientismus? Oder könnt Ihr Euch, Ihr verehrten und geilen B.-Träger, einen metaphysischen Apfel vorstellen, der vom Ast runterfällt und nicht mehr auf Eurem Kopf landet, ja, der gar von der Erde runterfällt? Er ist u. a. bei den Beatles zum Beispiel gelandet, deren Musik sakral war und ist. Und mein Verleger Rainer Weiss und sein Verlag weissbooks.w sind beide nichts weiter als eine getarnte Farbenpracht, »reines Weiss« entsteht – wie gesagt, Herr Newton − aus den drei, sich mit ungeheurer Geschwindigkeit drehenden Grundfarben, so drehen sich auch die weißen Bücher aus Frankfurt am Main und drehen, bis wir sie beim Lesen anhalten und zähmen … Bis die Sonne aufgeht!

Jetzt stell Dir mal vor, Du verehrter Leser aus B., es wäre das Jahr 1963, wir hätten heute dieses Jahr – Witold Gombrowicz spaziert mit Madam Bachmann im Tiergarten. Sie verstehen sich gut, die beiden Ford-Stipendiaten. Der eine ist ein Aristokrat, die andere eine römische, unter Drogen der Poesie stehende/wandelnde Statue. Beide lieben und lieben und können eigentlich nur lieben, selbst wenn sie manchmal gehässig wirken, vor allem Pan Witold. Gombrowicz wird überall gezwungen, Englisch zu sprechen (eine Krankheit bei den Deutschen!), dabei spricht er perfekt Französisch und vor allem Spanisch – mit anderen Worten: Gombrowicz versteht B. nicht. Auf den Straßen, in den Cafés von B. – damals, im Jahre 1963 − sitzt das Wirtschaftswunder, die Kellner lächeln freundlich, die Pelzmäntel lächeln, Auschwitz-Birkenau hat es nie gegeben (ja, ein Museum gibt es!, irgendwo in Südpolen, das Rudolf-Höß-Museum). Gombrowicz schreibt in seinem »Tagebuch 1953 – 1969«, der Deutsche würde sich mit dem Deutschen immer bestens einigen bzw. arrangieren können. Von solch einer Einigung der deutschen Hände, die sorgfältig für ein reibungsloses Funktionieren des Wirtschaftswunders sorgen, ist der Pole weit entfernt: damals wie heute. Der Pole fragt: Warum muss der Fahrstuhl repariert werden? Seine Antwort lautet: Der Fahrstuhl wird ab heute nicht mehr repariert! Ach Du Gombrowicz aus Buenos Aires, der Du nie ein Pole, nie ein Emigrant und vor allem nie ein Schreiber sein wolltest! Diese Stadt hat Dich durcheinandergebracht – hinter der Mauer war Polen, hinterm Stacheldraht der DDR war Polen, aber Du konntest nicht, wolltest nicht, durftest nicht in die Heimat reisen. Durftest nicht, wolltest nicht … Im Literarischen Colloquium am Wannsee dann das Interview und die Dreharbeiten für einen Film. Madam Bachmann ist natürlich dabei. Prof. Walter Höllerer kümmert es herzlich wenig, dass Du Lesungen hasst wie die Pest, die Dich auch hasst: Der gute Professor steckt Dich dennoch in eine Lesung, und dann wird gelesen. Aber was soll man lesen, wenn man das Lesen nicht vorlesen will?, denkst Du Dir. Und so sitzt Du da bei Deiner eigenen Lesung wie ein schräger Vogel, Dein Kopf brennt, Deine Seele brennt, und Polen ist hinterm DDR-Stacheldraht – ein weites Land, Deine Heimat/Kindheit. Auch diese Lesung ist irgendwann vorbei, Herr/Pan Gombrowicz, der Graf von Monte Christo der polnischen Literatur, hat wieder einmal blutige Rache genommen: an den Lesungen, an den Kulturtanten (jaja, Ihr verehrten Literaturkritikerinnen und Antiferdydurkistinnen!), an den Professoren. Der deutsche Professor ist professionell: sakral. Hat Verständnis. Muss Verständnis haben. Und so geht er, der polnische Graf, wieder ins Café, um an einem Tisch philosophisch bzw. profan zu leuchten und in diesem Licht bewundert und geliebt zu werden. Er will natürlich nicht, dass man seinen sehnsuchtsgeladenen Ruf nach einem Literatur- und Philosophiestammtisch in einem der Caféhäuser am  Ku’damm so begreift, dass er eigentlich nun doch nur leuchten will – vor allem gegenüber jungen Männern, die mit ihm philosophieren wollten … Nein, das überhaupt nicht. Er ist der Graf Witold. Äch! Witold, Witold! Diese Stadt namens B wie Babylon, B wie Barbarei, B wie Bunker, B wie Busen, B wie Bomben, B wie Brandenburger Tor, B wie Bleibtreu, B wie »Bleib treu!«, B wie Bananenrepublik und B wie Bundesrepublik und B wie Buenos Aires und B wie Baustelle und B wie Berlin lag Dir 1963 zu Füssen, und Du hast es nicht einmal gemerkt – Witold, Witold, Du bist kein sakraler Typ gewesen. Das Sakrale, das Miłosz geliebt hatte, hat Dich abgestoßen, getötet!

… schließlich scheitert Gombrowicz mit seinem in B. ins Leben gerufenen Caféstammtisch für Literaten und Philosophen und junge Männer: G. G. und Co. wollten nicht so richtig, wie es sich der Polengraf vorgestellt hatte. G. G. und Co. tanzten lieber nach ihrer eigenen Pfeife, in ihrem eigenen B. Wie wunderbar jedoch, dass der böse Witold zum Beispiel folgende Zeilen in seinem Tagebuch zustande gebracht hatte: »Seltsam und schön: diese ruhigen Köpfe, bedächtigen Augen, die Pünktlichkeit, Ruhe, gute Laune … und gleichzeitig rast das alles in die Zukunft, galoppiert. Der Deutsche ist ein Sklave der Deutschen. Der Deutsche ist beherrscht von den Deutschen. Der Deutsche wird potenziert, geschoben, angetrieben, beflügelt von den Deutschen. Aber das geschieht in aller Ruhe.« Zu der Zeit, als diese Zeilen geschrieben werden, ist Claude Landsmanns Film »Shoah« noch nicht gedreht worden – er entsteht später. Ich muss an die tot bebende/atmende Erde in Auschwitz-Birkenau denken, da die Leichen in den Gruben weitergelebt haben: in den Faulgasen, in den hungrigen Bakterien und Würmern. Ich muss deshalb daran denken, weil morgen der 27. Januar ist: Die Russen werden noch einmal das KZ befreien, wie jedes Jahr. Werden sie auch endlich die Seele meines deutschen Freundes Peer aus Hamburg befreien? Er ist Jahrgang 69, aber er weint immer noch. Ihm nützt die ganze Psychiatrie in diesem Fall wenig, obwohl er von Beruf Psychiater ist. Die deutsche Seele weint.

Brachialer Tapetenwechsel (geht nur beim Schreibenschreiben-schreiben): In der sozialistischen Pappellalle hat sich ein Gigant niedergelassen, mit seiner Bibliothek aus Frankfurt am Main. Die Bücher wie auch das B dieser Stadt sind noch nicht ausgepackt worden – zum Teil ausgepackt, dann wiederum noch nicht ausgepackt. Holzregale wurden gegen Metallmöbel getauscht: Solche Metallregale essen am liebsten die Akten der Gauck-Behörde. B wie Baustelle. Und der Gigant will mit Comicbüchlein Geld verdienen. Diese Simpsons-Hysterie und -Kultur zerstört das Sakrale, denn nicht alles ist Gold, was aus Amerika glänzt. Könnt Ihr Euch Adorno als eine Comicfigur vorstellen? Oder Czesław Miłosz? Der litauische Pole schreibt in seinem Gedicht »Du, der Du dem einfachen Mann von der Straße wehgetan hast«: »Wiege Dich nicht in Sicherheit. Der Dichter wird sich erinnern. Du kannst ihn töten – und ein neuer wird geboren. Taten und Gespräche werden niedergeschrieben.« Wir von der Bleib-treu!-Straße wünschen dem Giganten neugeborene Dichter! Dennoch alles Gute!

Und zum Schluss Profanes: Ulrich Schreiber, Chef vom Dienst, das Internationale des Internationalen in Sachen literatura in B., freut sich über mein Geständnis: »Verdammt!, Ulrich, wie die Made im Speck lebe ich in meinem Hotelschloss – und Du brauchst tatsächlich keine Kohle, keinen Kredit, denn heutzutage ist alles aus Kreditsteinen, die man schwer schleppen muss, jedoch nicht im Bleibtreu & »Bleib-treu!«! Anyway, sie sorgen für Dich, waschen Dich, füttern Dich in meinem Hotelschloss, betten Dich, lachen Dich an, grüßen Dich. Nur schreiben musste selber! Schreibenschreibenschreiben! Ach Ihr Stipendiaten! Ihr geldgierigen, Ihr ruhmgierigen Stipendiatskis! Kauft Euch ein ›Bleib-treu-Eis!‹ und lutscht daran – es schmeckt ausgezeichnet!«

Und zum zweiten Schluss Sakrales: Diese Stadt hat so viele Beine. B wie Beine. Diese Stadt ist ein Millionenfüßler. Und meine Magdalena hat sich hier ihre Beine verlängern lassen.  M. B. wie Magdalena B. Sakraler Tapetenwechsel: Wie soll ich schon bald ohne Dich leben, mein B.? Du kochst für mich, Du wäscht meine Wäsche. Du verlängerst die Beine von Magdalena. Du badest mich, als wäre ich Deine Geliebte. Du trinkst mit mir, Du schläfst mit mir. Ich und Du – wir sind schwanger. Wie ohne Dich leben? Meine Sehnsucht tötet mich schon seit Jahren, und jetzt auch noch Du!? Du!? Ich liebe Dich.

»Die Bücher wie auch das B dieser Stadt sind noch nicht ausgepackt worden – zum Teil ausgepackt, dann wiederum noch nicht ausgepackt.«

»Diese Stadt hat so viele Beine. B wie Beine. Diese Stadt ist ein Millionenfüßler. Und meine Magdalena hat sich hier ihre Beine verlängern lassen. M. B. wie Magdalena B.«

»Nur schreiben musste selber! Schreibenschreibenschreiben!«

Artur Becker: “Zeit und Raum von B.! (oder ein kurzes Studium der Einsamkeit und Anonymität in B.!)”

Sonntag, den 17. Januar 2010

»Idealisten sind immer in der Gefahr,

an ihrem Idealismus zugrunde zu gehen.«

Friedrich v. Schiller

»Bruder Mensch hat uns

schon oft verlassen,

Bruder Baum nie.«

Ernst Jünger

(Zwei Zitate

an den Wandmauern

des S-Bahnhofs

am Savignyplatz)

… da bist Du wieder da, mein B.! Man kann Dich nicht ausschalten, ausstellen: Überall liest man Deine Gedanken – ausgesprochene, versteckte, verschwiegene, fremde. An den Wandmauern des S-Bahnhofs am Savignyplatz zitierst Du zwei gegenpolige deutsche (sehr deutsche − deutscher geht nicht!) Dichter: Ernst Jünger und Friedrich Schiller – der Wehrmachtsoffizier, der jede Schwäche, die sich gegen das Leben richtete, verachtete, hat in der Schönheit die Metaphysik des Schmerzes gesucht und entdeckt; seine dünnen Lüfte atmen nun heute vor allem jene, die sich aus der Ästhetik einen Götzen geformt haben, wie aus Lehm; der andere, der unnötig im Schatten seines wichtigsten Weimarer Widersachers und Mitbewerbers steht, hat sich der Freiheit des Revoluzzergeistes so sehr verschrieben, dass er den Titel eines universellen Humanisten aller Zeiten verdient und jenen als Auszeichnung erhaben und selbstbewusst bis in alle Ewigkeit tragen darf, auch im Jenseits; die Schwäche als produktive Grundkondition der menschlichen Existenz anzusehen, war damit Schillers und seiner Dichtung Stärke. Beide Dichter sind jedoch vom Menschen und von seinem Tun hundertprozentig überzeugt gewesen. Keine Fatalisten, Apokalyptiker und Katastrophisten waren sie, nein, waren sie nicht. Geglaubt haben sie an den Menschen, wie William Faulkner. Und wer bist Du, mein B., meine Hauptstadt der Derwische in puncto Liebe und Astronomie, Revolution und Schönheit? Ernst Jünger oder Friedrich Schiller? Oder vertrittst Du beide Haltungen, Du preußisches Schlitzohr? Oder bist Du nach all den Revolutionen und Kriegen apolitisch geworden, der Suche nach Schönheit und Freiheit müde geworden? Haben Dich der schwachköpfige und degenerierte Nationalsozialismus der Weimarer Republik und der Pseudokommunismus der DDR und die RAF-Bandenmitglieder der Bundesrepublik und selbst die Jungsozialisten und Weltverbesserer von Rudi Dutschke und vor allem die unauslöschlichen deutschen Novembertage, die nicht einmal 1989 ihr Maul halten konnten, bei der Wahl der Waffen wankelmütig gemacht? Willst Du nicht mehr schießen? Bist Du endlich unschuldig? Wie hast Du überhaupt all die Morde, die Du einmal gebilligt, ja befohlen hast, überlebt, überstanden? Man kann Dich nur mit Rom vergleichen … Deshalb: wie in Dir leben (wohnen!), in Deiner weißen Gebärmutter leben (wohnen!), ohne an all die Massenmorde (gegen das Individuum gerichtet) zu denken? In der Bleibtreustraße 4 zum Beispiel sitzt der brave SS-Soldat Hermann Fegelein vor dem Fernseher und säuft sich zu Tode (wikipedia meint, er sei sogar ein General gewesen!, Donnerwetter!, ein echter General! – wäre ich ein Transvestit, würde ich Generäle lieben und bevorzugen!). Ich dachte, der Führer hätte befohlen, den aus Verzweiflung im Alkohol schwimmenden Fegelein wegen seiner Desertion − so kurz vor dem Sieg der Sowjets  und Alliierten − zu erschießen! Aber nein: Du mein unzerstörbarer B-Stern, Du willst Dich nicht mehr rächen, Du willst nun doch nicht mehr schießen, wie es scheint, und so sitzen sie, die einst geherrscht und gemordet haben – unter anderem in Deinem Namen −, in ihren versteckten, verschwiegenen, vergessenen, von den Geschichtsbüchern zur Unwirklichkeit verurteilten Wohnungen herum und saufen sich zu Tode, aus Angst vor dem Feind, aus Angst vor dem Jüngsten Gericht, aus Angst vor dem Führer und dem Stasi-Gefängnis, aus Angst vor der eschatologischen Peitsche des Universums, aus Angst vor dem eigenen Antlitz, das der auf das Licht und seine Schönheit eifersüchtige Teufel vor ihrer irdischen Inkarnation orgiastisch geformt hat (nach Seinem höllischen Abbild sind sie alle geschaffen worden!, wir Manichäer kennen nämlich die dunkle Seite der Bibel!).

O Du mein B-Stern! Du bist nach 1945 ein Krankenhaus geworden (wie die ewige Stadt Rom …), eine Klinik, eine psychiatrische Anstalt, ein Gefängnis und ein Schulungszentrum für jung und alt, für Ost und West: Der deutsche Zauberberg bist Du! Für jeden Täter, für jedes Opfer findest Du stets eine Bleibe und ein Bett in Deiner weißen Gebärmutter. Jeder soll sich bei und in Dir wohl fühlen, auch ich in meinem hauptstädtischen Bleib-treu-Hotel-Wahn, der ich meine, Dich von Tag zu Tag besser zu kennen, besser zu verstehen.

Raum und Zeit: Über beide Lüstlinge des dreidimensionalen Universums, das wir Menschen das Diesseits – sprich: »ein bisschen Sex und ab in die Kiste!« – nennen, kannst Du, mein liebes B., hervorragend herrschen.

Der Raum in B. ist pornographisch, die Zeit dagegen intim. Das Reichstagsgebäude, das Brandenburger Tor, der kommunistische Phallus namens Alex und all die anderen historischen unsterblichen Gebäude samt den Kirchen, Ämtern, Schulen, Flughäfen und Kasernen sind pornographisch, weil sie in Zeiten der Gewalt und des heimtückischen Mordes auch schon gestanden hatten, während die Zeit von und in B. ihre Erlösung vom Bösen schon mehrere Male gefunden hat, zum Beispiel 1945 und 1989. Die Zeit von B. schämt sich ihrer drastischen Vergangenheit, die diese Stadt bis jetzt geschaffen hat, während die Gebäude dieser Stadt schamlos und pornographisch sind, da sie allen dienten und weiterhin dienen – den Mördern genauso inbrünstig wie auch den friedlichen Menschen, die meinten und weiterhin meinen, Frieden zu bringen und zu verwalten.

Diese fette Stadt, die die Gesetze der Physik für sich neu geordnet hat, für ihre eigenen Bedürfnisse sozusagen, ist pornographisch und intim (unschuldig!) zugleich.

Wer also das Raum-und-Zeit-Phänomen von B. studieren will, der muss leiden …

In der S- und U-Bahn findet die intime Zeit von B. einen ihrer besten Höhepunkte: Fremde verbringen in dieser Stadt mit Fremden unzählige Stunden − eine unlösbare Zeit in diesem Fall? −, indem sie jeden Tag lange Strecken gemeinsam zurücklegen, ohne einander zu kennen. Über viele Jahre, manchmal ganze Leben lang, sind diese Fremden gemeinsam einen langen Weg gegangen, ohne den anderen zu kennen. Was für eine erschlagende Anonymität! Was für eine geniale Einsamkeit, die hier zelebriert wird! Beängstigend und gleichzeitig unschlagbar erotisch und neurotisch.

Und die Fahrgäste der S- und U-Bahn, diese Fremden den Fremden, wissen nicht, wie nah sie mir sind, wie nah mir und meiner hauptstädtischen Reinkarnation, der ich als Provinzler nicht gewohnt, ja nicht gewillt bin, täglich zwei Stunden in der S- oder U-Bahn zu verbringen (diese Lebenszeit kann ich Dir nur schweren Herzens opfern, mein erstes und letztes B., und die S- und U-Bahn-Lektüre »Krieg und Frieden« habe ich schon gelesen!). Ich habe mit ihnen, mit den Fremden den Fremden, während der Fahrten von A nach B bereits intim zusammengelebt, mein ganzes Leben habe ich mit ihnen auf einer einzigen Fahrt verbracht, was sie nicht wissen; ich habe sie geliebt als Vater oder als Mutter, als Kind oder als Geliebter oder als Geliebte, und wenn es notwendig war, habe ich sie verlassen, wenn sie mir also unnötig wehgetan haben, was leider überall passiert, dass wir unsere Dolche ziehen und zustechen, zustechen, zustechen! Und in ihrer Anonymität der Reisenden und Umherwanderer, der öffentlichen Fahrgäste und Pendler im Raum von B., sind sie, diese Fremden den Fremden, sehr verletzlich und gänzlich ungeschützt. Sie führen ihre inneren Monologe in der S- und U-Bahn fort, und man kann sie tatsächlich hören, da ihre Gesichter und Hände sie verraten, selbst ihre Kleider verraten sie. Und sie telefonieren mit ihren Freunden und Verwandten, mit ihren Geliebten und Ehepartnern und führen ihre gescheiterten oder neu aufblühenden oder längst gestorbenen oder künstlich am Leben gehaltenen Beziehungen in der S- und U-Bahn rücksichtslos und gnadenlos fort. Sie nehmen ihre Café-, Kneipen-, Schlafzimmer- und Wohnzimmergespräche mit auf die Fahrten von A nach B, und sie reden auch dann, wenn sie schweigen. Sind sie jedoch zusammen mit ihren Freunden oder Verwandten unterwegs, werden sie noch lauter und erzählen all den fremden Mitreisenden Dinge, die scheinbar nicht an sie gerichtet sind, doch jeder Fremde dem Fremden will sie hören, und auch wenn er sie nicht hören will, nicht mehr hören kann, so werden seine Ohren größer und größer, von S- und U-Bahnstation zu S- und U-Bahnstation größer; der auswärtige Gast, zum Beispiel ich der Provinzler, mag sich dann durchaus so fühlen, als nähme er an einer Prozession zum Kalvarienberg teil (das ganze öffentliche Verkehrsnetz von B. ähnelt in gewisser Hinsicht einer gigantischen Kultstätte, zumal die Bewegung per se seit eh und je einen rituellen und sakralen Charakter hat).

… damit ist die Anonymität in B., in einer sogenannten Weltmetropole, ebenso pornographisch wie der Raum dieser fetten Stadt, weil sie öffentlich zur Schau gestellt wird. Die Einsamkeit der Bewohner von B. aber ist intim, wie die Zeit, die hier eschatologisch ihre denkbar beste Er- und Auflösung  gefunden hat, wie in Rom (im Kolosseum hört man jedoch immer noch die Schreie der den Löwen zum Fraß vorgeworfenen Urchristen!, und in B. sieht man immer noch die Fackelzüge der schwachköpfigen und degenerierten Nationalsozialisten, da Gespenster auch bloß nur leben wollen …). Die Einsamkeit der Bewohner von B. muss auch intim sein, denn jeder von ihnen sucht nach seiner eigenen, ja privaten Erlösung: in der Liebe, in der Familie, in der Arbeit, in den Drogen, im Alkohol, in der Kunst, in der säkularisierten Philosophie oder in Gott, einem klerikalen, gnostischen oder außerirdischen, was uns und für unsere oberflächliche Betrachtung wurst ist, welchen Gott sie meinen, da sich die Menschen Götter am liebsten selbst machen, regelrecht schnitzen, worunter der Essener-Sympathisant Jesus Christus bis heute leidet. Und manche suchen diese Erlösung im Atheismus/Agnostizismus und andere wiederum im Vergessen des Vergessens. Aber sie suchen alle, sie suchen nach der Erlösung ihrer Einsamkeit, Fremde den Fremden. Und ich (ich mir!) auch. Ich suche hier in B. auch.


Der LiteraturRaum
    Im Rahmen des Projekts LiteraturRaum lädt das Hotel Bleibtreu Berlin in Zusammenarbeit mit dem internationalen literaturfestival berlin Schriftsteller in die Hauptstadt ein. Ein Jahr lang wird den Autoren aus aller Welt für jeweils vier bis sechs Wochen im Bleibtreu ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Während dieser Zeit halten die Autoren Ihre Beobachtungen und Gedanken auf diesem Blog fest.
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