Artur Becker: »Der Abschied am Potsdamer Platz …
(oder ein kurzes Studium des Kollektiven
in B. und woanders …)«
Mittwoch, den 10. Februar 2010
Es ist nicht so sehr das Leben, das uns zu schaffen macht, sondern vielmehr sind es die vielen kleinen Tode/Abschiede. Die Unbegreiflichkeit der körperlichen Form – das Verschwinden für immer aus unserer diesseitigen Welt – macht uns seit Tausenden von Jahren existenziell-religiöse Sorgen. Wer sind wir dann, wenn sich unser Körper Jahr für Jahr immer schneller dem Tod nähert? Sind wir die kleine Zehe am linken Fuß, oder eher der violett geschminkte Lippenkuss Eurydikes, die auf dem Bahnsteig eines Großstadtbahnhofs ihren zwanzigjährigen Geliebten begrüßt, z. B. in B.? Wer sind wir, wenn wir Tag für Tag Abschied voneinander nehmen, von unseren Lieben? Das Leben ist eine riesige Abschiedsparty, und die größte auf deutschem Boden findet tag- und nachttäglich in B. statt. Ich habe sie gesehen, ich bin dort gewesen, ich weiß, was es heißt, am Potsdamer Platz, auf seinem Gelände aus Beton und Glas, herumzuschlendern und Abschied zu nehmen – von Euch allen, von Euch allen, Ihr verehrten B.-Träger! A und B!
Schnitt: An meinem vorletzten Tag in B. und in den ehrwürdigen Gemächern des Hotels »Bleibtreu« entführte mich mein fast sechzehnjähriger Sohn Philon (was für ein wohlklingender, biblischer Spitzname!, mein Junge!) ins Kino – in eines dieser Multikulti-Hightech-XXL-Kinos am Potsdamer Platz. »Avatar – Aufbruch nach Pandora« von James Cameron stand natürlich auf dem Programm – ein Pflichtspiel auch für mich, obwohl ich eigentlich nur Godart, Pasolini, Fellini, Rohmer, Buñuel oder Bergman liebe/toleriere.
Ich sah mir also den neuen Cameron zusammen mit Magdalena und Philon an. Seelenruhig tat ich es.
Nach dem Film war ich gar nicht unglücklich, dass ich mich von meinem Sohn habe verführen lassen. Ich staunte nur über die ausgesprochen oberflächliche, ausgesprochen »irdische« und letztendlich dumme Beurteilung des Films durch so manchen übereifrigen Kritiker des deutschen und auch ausländischen Feuilletons, und wir haben aus meinem Berliner »Bleib-treu!«-Blog gelernt, wie diese übereifrigen Kritiker in Witold Gombrowicz’ Jargon (siehe seinen zweiten Roman »Ferdydurke«) heißen: Kulturtanten (ciotki kulturalne im Poln.). Und diese Kulturtanten schrieben nach der Premiere Woche für Woche über die Message von »Avatar – Aufbruch nach Pandora«, dass dieser Film in erster Linie die uns altbekannte ökologische Botschaft »Save the Planet!« dem Zuschauer übermitteln wolle – »ganz nett« zwar (und die genialen technischen Effekte wurden gelobt und so weiter), aber zum Schluss würde diesem Machwerk, so diese Kulturtanten, eine tiefgründige intellektuell-spirituelle Botschaft an den Menschen fehlen, die doch der neue Cameron für sich beanspruchen würde. Ich war nun erbost (ich habe ja den Film gesehen − mit meinen eigenen sozialistisch-katholischen 3-D-Augen…). Denn genau diese universelle intellektuell-spirituelle Botschaft, die sich eben nicht nur auf eine Öko-Geschichte aus unserer Epoche und Zeit reduzieren lässt, besitzt der Kinostreifen »Avatar – Aufbruch nach Pandora«. Warum ich das behaupte?, fragen Sie. Die Menschheit hat bis jetzt einen beachtlichen technischen (naturwissenschaftlich-szientistischen) Fortschritt vorgelegt, doch moralisch und ethisch steckt sie in den Kinderschuhen, trampelt nur auf der Stelle herum – das ist das Markenzeichen des Holozäns. Die Na’vi, die Autochthonen/Bewohner des Mondes Pandora, mögen zwar, was ihre technischen Möglichkeiten angeht, nach unserem Verständnis zu den Primitiven zählen, doch rein geistig bzw. intellektuell-spirituell betrachtet sind sie der heutigen Menschheit weit überlegen, sehr weit sogar. Die Na’vi wissen, dass Planeten/Himmelskörper Lebewesen sind – mit ihrer eigenen, für ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Intelligenz. Sie wissen, dass das ganze Universum, der Logos sozusagen, ein Lebewesen ist, mit dem man wie mit einem Menschen kommunizieren kann. Und sie wissen auch, dass jedes humanoide Lebewesen, sprich der Mensch jedweder Hautfarbe und Bauweise (Rasse im kosmologischen Sinne), ein unverzichtbarer Teil dieses heiligen und im ewigen Wandel begriffenen Universums ist, wie jeder andere Teil und Baustein in diesem kosmogonischen Gebäude und Drama – auf keinen Fall ist der Mensch, wie ihn sich die Na’vi vorstellen, ein staunender und weltfremder Betrachter, der am Fluss steht und sich – den Kopf schüttelnd – darüber wundert, wie die Zeit erbarmungslos fließt und jeden und alles in dieser Menschenfresserwelt tötet. Das ist nun die eigentliche Botschaft des Films »Avatar – Aufbruch nach Pandora«, und sie ist gefährlich, weil sie unserem materialistischen Denken einen mächtigen Schlag erteilt. Für Millionen von Menschen, die William Blake, Goethe, Camus, Miłosz, die Baghavadgita oder die Bibel und ihre Apokryphen nicht studieren, ist dieser Film hilfreich. Für andere nicht. Einige Schriftsteller, Künstler und Politiker wissen sehr wohl, in welchem Konflikt der moderne Mensch steckt. Dieser Konflikt ist uralt und sehr produktiv: so produktiv und alt wie die Vertreibung aus dem Garten Eden. Amen!
Schnitt: Die blaue Hautfarbe der Na’vi erinnert an die vielen humanoiden Rassen, die als Bewohner verschiedener Planeten im heiligen Buch der Hindus, der Baghavadgita nämlich, beschrieben werden. Hat das Filmteam James Camerons Baghavadgita gelesen?
Schnitt: Interessant ist für mich in diesem ganzen Zusammenhang nur eines – wie funktioniert das Massenbewusstsein, das kollektive Bewusstsein der Menschheit? Sind solche Filme wie der »Avatar – Aufbruch nach Pandora« wirklich hilfreich? Dazu noch in einer Zeit, die Rolf-Dieter Brinkmann schon vor vierzig Jahren völlig richtig dem Schmutz und der Kurzsichtigkeit der Pop-Kultur hatte entreißen wollen (unter seelischen Schmerzen schrieb er doch seine Textcollagen!)? Die Sensationslust und die Sehnsucht nach Halbgöttern in unserer Gesellschaft und in unserer von uns erfundenen Wirklichkeit benebelt und tötet unseren kollektiven Geist, soviel ist klar, und wir entfernen uns mehr und mehr von unserer Erde und von anderen Planeten (von unserer eigentlichen Aufgabe – nämlich derjenigen der vom Bösen/Tod geheilten Menschenwerdung), indem wir es bevorzugen, in unserer von uns selbst erfundenen, der Welt beraubten Wirklichkeit zu leben. Das ist, liebe Erdlinge, eine Sünde, denn das Universum braucht kein Ersatzuniversum, an dem der gnostische Teufel mit Vergnügen weiterbaut …
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Letzter Schnitt (The Final Cut): mein B., leb wohl! Eines Tages komme ich aber zu Dir zurück … Denn ich bleibe Dir treu, mein Täubchen!
Dein Provinzler Art. B., in manchen geographischen Kreisen auch Artur Bekier genannt.





