Archiv der Kategorie ‘2010/02 Samuel Shimon‘

 
 

Samuel Shimon: Green Apples

Berlin, February 2010

While I was checking in at the Bleibtreu Hotel on my arrival in  Berlin, the receptionist noticed that I kept staring at a large bowl filled with green apples that was on  the reception desk. She took an apple from the bowl and offered it to me. After some hesitation I took the apple and put it at once in my  pocket. I cannot even recall if I thanked her. As I was riding the elevator to my room, I kept thinking to myself: “I have a green apple  in my pocket.” The next morning, I could not believe it when I saw a  photograph of me placed right next to the bowl of apples. Katja, the receptionist, told me that it was a tradition in the hotel to place the photograph of the writer taking part in the “Writer  in the Hotel” programme on the counter in an effort to help promote  them (see photo). Thus, every day and for four weeks I was greeting the  receptionist and smiling at those green apples, the size of tennis balls.

Iraq, 1964

That evening as I left the cinema sadness was gnawing at my little heart and my eyes were brimming with tears. I turned into a dark and narrow alleyway and began kicking with my gym shoes at every stone and bit of dirt in my path, crying out in rage: “How can the hero die? How can the hero die?”

It didn’t occur to me that it would be my mother who would make me forget the “hero’s death”.

As soon as I got home she pounced and began attacking me mercilessly, leaving teeth marks on my arms and shoulders and screaming out: “Son of a bitch, are you a son of the movies or my son?” Kiryakos, who was drinking tea and toying with an apple, commented: “He was born to be a filmmaker.”

I was sitting on the dirt floor spitting into the palms of my hands and wiping them over the marks my mother’s teeth had left on my body, then blowing on them in an attempt to calm the burning caused by the hot weather and the sweat running from my limbs. The whole time I don’t think I once took my eyes off Kiryakos’s apple, green and the size of a tennis ball; I was longing to eat it, and had I done so it might have made me forget my pains.

That night, I put my hands to my chest and said humbly: “O Lord. O Christ. I swear that all I want to be is a filmmaker.” Before closing my eyes I realized I’d forgotten something so I added: “O Lord. O Christ. I swear I’ll never eat green apples.”

Paris suburb, 1990

A hand touched my left shoulder and I turned to see a man in his seventies, his white hair combed back, smiling, a cigarette between his wine-stained lips. I realized he was asking me to light it for him. We exchanged smiles. He looked like my father, I wanted to talk to him to see if he could speak. I was sitting on the top deck of the train, smoking and looking at the forest we were passing through. The hand touched me again on the same shoulder and I turned again to see the man, his hand stretched out holding an apple that was green and as large as a tennis ball. He gestured with his head for me to take it. I took the apple and the man smiled and left the compartment.

And when the train stopped at the next station I glanced through the window. I saw a white bird lying dead at the foot of a tree. I kept looking at it for a while, and started rolling the apple around in my hands until the train moved off. A few moments later I saw a white bird flying, little by little approaching my window as if it wanted to touch it.  Then it flew away.

Samuel Shimon sent us this blog entry after one of his travels following his stay at the Bleibtreu in February 2010.

Samuel Shimon: Am Walter Benjamin Platz

Dank zweier Überraschungen am Morgen des gestrigen 13. Februar 2010 verlebte ich einen wunderschönen Tag. Die erste war eine Grußkarte zum Valentinstag von Margaret aus London. Die zweite war, dass ich während eines mehrere Stunden dauernden Spazierganges durch die verschneiten Straßen Berlins zufällig den Walter-Benjamin-Platz entdeckte. Sofort mochte ich diesen Platz abseits des Kurfürstendammes. Wie angenagelt stand ich vor dem Schild, das den Namen dieses großen deutschen Philosophen und Kritikers trug, und wusste nicht: Fand ich den Platz wegen seiner Architektur so schön oder wegen meiner Bewunderung für Walter Benjamin, der trotz des harten, unsteten und kurzen Lebens, das er gelebt hat, der Menschheit unsterbliche literarische und philosophische Schätze hinterlassen hat?

Der Schnee, der auf Berlin herabrieselte und das Grau der eleganten Gebäude gaben dem Platz etwas Ehrwürdiges und Erhabenes, und es schien, als wäre diese Anlage selbst den Arbeiten und dem Leben jenes außergewöhnlichen Philosophen entstiegen.

An den Längsseiten des rechteckig angelegten Platzes in Charlottenburg erstrecken sich Arkaden mit gehobenen Restaurants, einem noblen Friseursalon und teuren Textilgeschäften. Schnell vermisst man als Besucher allerdings eine ebenso schöne und bedeutende Buchhandlung.

Mein Wissen über das Wirken Walter Benjamins beschränkt sich auf ein paar arabische Untersuchungen über ihn, aber ich kann mich gut daran erinnern, wie arabische Intellektuelle im Quartier Latin von Paris Mitte der achtziger Jahre auf Arabisch und auf Französisch über Benjamin debattierten. Stundenlang zogen sich solche Diskussionen hin, während derer ich von der Frankfurter Schule, Martin Heidegger, Theodor Adorno, Georg Lukács, Jürgen Habermas und anderen hörte. Oft wurde auch darüber diskutiert, wie man Walter Benjamin im Arabischen korrekt ausspreche müsse: Wie im Englischen, also „Walter Benyamin“ oder eher französisch akzentuiert: „Valter Benjama“? Die meisten Diskussionen kreisten aber um das bittere Leben, das der Philosoph führte und die dramatische Art, wie er diesem selbst ein Ende bereitete – sein Selbstmord an der französisch-spanischen Grenze.

Ich war sehr froh, über den Berliner Walter-Benjamin-Platz zu laufen, und ich fühlte auch etwas Stolz darüber, dass in den letzten fünf Jahren drei seiner Arbeiten ins Arabische übersetzt worden sind: „Ausgewählte Aufsätze“, die „Einbahnstraße“, beide von Ahmad Hassan übersetzt und in Jordanien verlegt, und „Das Paris des Second Empire bei Baudelaire“, erschienen beim Kairoer Merit-Verlag. Alle drei Bücher wurden bereits angemessen rezensiert, und sie haben es verdient. Sie werden das arabische Geistesleben mit Sicherheit bereichern.

Übersetzung aus dem Arabischen: Günther Orth

LiteraturRaum: Lesung mit Samuel Shimon / Reading with Samuel Shimon

Im Rahmen des Kulturförderprojekts LiteraturRaum lebt und arbeitet der irakische Exilschriftsteller Samuel Shimon vom 29. Januar bis 27. Februar im Bleibtreu. Am 25. Februar kommen Literaturinteressierte in den Genuss einer exklusiven Lesung in Anwesenheit des Autors. Ab 19:00 Uhr führt der promovierte Arabist Doktor Günther Orth in das Werk Shimons ein und die Schauspielerin Stella Hilb liest Auszüge aus seinem Roman „Ein Iraker in Paris“ in deutscher Sprache.

Samuel Shimon wurde 1956 in der Stadt Al Habbaniya im Irak geboren. Seine Familie ist assyrischer Abstammung. 1979 verließ er den Irak, um seinen Traum vom Filmemacher in Hollywood zu verwirklichen. Statt nach Kalifornien führte ihn sein Weg nach Damaskus, Amman, Beirut, Nikosia, Kairo und Tunis. 1985 ließ er sich schließlich in Paris nieder, wo er den Kleinverlag Gilgamesh Editions gründete. 1996 zog Shimon nach London, wo er seitdem lebt. 1998 wurde er Mitbegründer des Literaturmagazins Banipal (www.banipal.co.uk), dessen stellvertretender Redakteur er zurzeit ist. Im Jahr 2000 gaben Margaret Obank (Mitbegründerin und Herausgeberin von Banipal) und Samuel Shimon den Gedichtband Crack in the Wall mit Texten von sechzig arabischen Dichtern heraus. 1987 und 1995 veröffentlichte der Autor zwei weitere Anthologien mit arabisch-sprachiger Lyrik. Sein autobiografischer Roman Ein Iraker in Paris erschien 2005 in arabischer Sprache im Al-Kamel Verlag und wurde in der arabischen Welt zum Bestseller. Ein Iraker in Paris liegt in englischen, französischen und schwedischen Ausgaben vor. Samuel Shimon ist außerdem Herausgeber einer der beliebtesten Webseiten arabischer Sprache: www.kikah.com. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschreibt Samuel Shimon als „Initiator“ und als „einen unermüdlichen Missionar in Sachen Literatur“.


Der LiteraturRaum
    Im Rahmen des Projekts LiteraturRaum lädt das Hotel Bleibtreu Berlin in Zusammenarbeit mit dem internationalen literaturfestival berlin Schriftsteller in die Hauptstadt ein. Ein Jahr lang wird den Autoren aus aller Welt für jeweils vier bis sechs Wochen im Bleibtreu ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Während dieser Zeit halten die Autoren Ihre Beobachtungen und Gedanken auf diesem Blog fest.
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